Firefox behindert Sehbehinderte – weiter geht’s auf dem Weg zur Unbenutzbarkeit

13. Mai 2015

Wenn neue Funktionen schnell beim Benutzer ankommen, ist das prinzipiell gut. Dafür sorgt Mozilla Firefox seit einiger Zeit, indem es einen schnellen Veröffentlichungsrhythmus fährt. Prinzipiell aber nicht gut ist es, wenn man offenbar mit der Qualitätssicherung nicht mehr hinterherkommt. Immer öfter müssen kurz nach der Hauptveröffentlichung neue, korrigierte Versionen nachgeschoben werden, die gravierende Fehler beseitigen. Der Endanwender wird praktisch zum permanenten Betatester gemacht. Mit dem gerade erschienenen Firefox 38 trifft es unter anderem mal wieder eine Randgruppe.

Firefox hat es dem Konkurrenten Chrome nachgemacht — nicht nur optisch — und auf kurze Veröffentlichungsintervalle umgestellt, in der Regel gibt es alle sechs Wochen einen neuen Firefox. Der Vorteil ist, dass Neuerungen auf diese Weise schneller beim Benutzer ankommen, Firefox läuft nicht Gefahr, altbacken zu wirken oder uninteressant zu werden, wenn Chrome schon längst die neuesten Funktionen eingebaut hat. Die Aufholjagd von Chrome ließ sich damit jedoch nicht stoppen.

Der Nachteil ist, dass auch die Fehler und Verschlechterungen schneller beim Benutzer ankommen. Auf das neue Australis-Design hätte mancher Benutzer sicherlich gern noch eine Weile länger verzichtet, aber es gibt auch Änderungen, die Firefox für bestimmte Anwendergruppen praktisch unbenutzbar machen. Meist trifft es Minderheiten. Mit Version 38 hat sich Mozilla bei den Sehbehinderten mal wieder äußerst „beliebt“ gemacht. Manche sind z. B. darauf angewiesen, den Bildschirm in stark invertierten Farben zu nutzen, um überhaupt etwas erkennen zu können.

Bereits seit der Umstellung auf die neue Australis-Optik ist Firefox für schlecht Sehende deutlich schlechter bedienbar geworden, da Australis u.a. viele eigene Designelemente nutzt, die sich nicht mehr an die Vorgaben des Betriebssystems halten. Das sieht auf Bildschirmen der Normalsehenden dann zwar todschick aus, wirkt bei angepassten Oberflächen aber tödlich. So sah ein Firefox bis Version 37 für einen Sehbehinderten aus:

Firefox-Farbeinstellungen in invertierten Farben
Bisheriger Firefox, wie ihn Sehbehinderte sehen

Bei Mozilla wird das offenbar nicht weiter getestet. Bisher galt Firefox als einer der wenigen Browser — abgesehen von denen, die wiederum auf Firefox basieren — dessen Farbeinstellungen ohne großen Aufwand änderbar waren. Dies nun hat sich mit Firefox 38 schlagartig geändert. Wer sich als Sehbehinderter eine andere Textfarbe einstellen will, sieht nun das hier:

Firefox-Farbeinstellungen in invertierten Farben
Aktueller Firefox in der Ansicht für Sehbehinderte

So sieht Firefox unter Linux oder Windows mit invertierten Farben aus. Zwar sind die Farbeinstellungen immer noch an der gleichen Stelle zu finden und damit leicht zu erreichen. Nur: Was macht ein sehbehinderter Mensch, der dunklen Hintergrund und gelbe Schrift verwendet, wenn plötzlich keine Farben in der Farbauswahl mehr zu sehen sind, sondern sich die Farbauswahl als bloßes schwarz-gelbes Gitternetzwerk präsentiert? Genau. Er kann nur raten, welche Farbe die Links im Anschluss haben werden — in der Regel sind sie dann für ihn unsichtbar. Dass auch die Symbole auf den Fensterbuttons fehlen, kann man da schon fast unter den Tisch fallen lassen.

Wer noch etwas besser sieht, muss sich lediglich darüber ärgern, dass man wieder mal einen Umweg gehen muss, um die optimalen Einstellungen zu erreichen (also erst einmal die Farben auf normale Einstellungen zurücksetzen, gewünschte Farbe einstellen und dann wieder umstellen — vielen Dank, Mozilla, man hat ja sonst nichts zu tun). Vollständig blinde Benutzer sind hier ausnahmsweise mal im Vorteil: Sie bekommen die Links von ihren Screenreadern und Braillezeilen schlicht konvertiert — ganz ohne Farbeinstellungen zu benötigen.

Auch mit Version 38 kann Firefox daher nur noch eingeschränkt als barrierefrei gelten. Die Alternative, Firefox ESR, als stabile Alternative für Administratoren im Firmenumfeld gedacht (notgedrungen, denn sonst würde dort gar kein Firefox mehr eingesetzt werden), wird von Mozilla de facto versteckt. Wer ihn nicht aktiv sucht, bekommt ihn nicht angeboten. Sie bleibt neben Alternativprojekten wie Pale Moon oder Seamonkey die einzige Möglichkeit, Firefox-Technik zu verwenden, ohne alle paar Tage von neuen Verschlimmbesserungen überrascht zu werden.


aus der Kategorie: / Tratsch / Browser
(dws), (jr)

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Kommentare

Ich benutzte Firefox schon als er noch Phoenix hieß. Aber mit jedem neuen Release, also alle 6 Wochen, überlege ich, ob es nicht langsam reicht mir Mozillas Bananensoftware auf den Rechner zu holen.

Neben ständigen Änderungen am Layout, dem Telefonierfeature (hallo Telefonica) kommt nun DRM-Müll dazu, den man anscheinend nicht per AddOn nachrüsten kann (oder würde das die Anwender überfordern?).

Hat bei Mozilla schonmal jemand daran gedacht, dass deren Software eigentlich nur Webseiten anzeigen soll? Die meisten User die ich kenne interessieren sich nicht für den Eye Candy Schnickschnack. Und wenn ich Chrome will, dann installiere ich Chrome und keine schlechte Kopie!

— KlausDieMaus · 13. Mai 2015, 15:45

Oh, Firefox-Bashing im Firefox- und GNOME-Bashing-Blog.

Wie innovativ.

— isch · 13. Mai 2015, 17:19

Tabs immer an und keine Javascript-aus-Option mehr sind auch solche Verbesserungen.

— Icedoof Gnomsox · 13. Mai 2015, 19:14

Ihgitt, die Farbeinstellungsseite sieht mit den Gelb ja aus wie ne Videotextseite eines Fernsehsender oder die alte BTX-Seite das tut nicht not, da sah die Doseingabeseite oder jetzt der Linuxterminal viel besser aus, sag mal hat diese Tubaroo Mozilla etwar Farbenblind gemacht, ich wundere mich über garnix mehr, aber trotzdem für uns Seebehinderte ist echt ne Quahl, beim Linuxterminal kann ich bei Ubuntu wenigstenst den Farbhintergrund bestimmen und die Schriftfarbe recht gut einstellen, und Schriftgröße bestimmen mit Hinternkomma-Eingabe und für die Farbe gibts Farbcide siehe das müßte Firefox auch haben vieleicht ist da was unter ( about:config) per Adressfeld zu machen einfach von Linux auf eine TXT kopieren und von dort in die Konfigurationseite von FF unter Farbeinstellung reinkopieren vielleicht klappt das ja mit about:config das wäre Klasse oder die gesamte Konfigurationsseite“about:config” von ein älteren FF in FF39ziger reinkopieren das mal das alte FF hat von den Tools gesehn für den Sehbehinderten bleibt ihm dann nur FF ESR falls es noch neue Versionen gibts, beim Android könnte Firefox zu schwer sein wegen der Grafik im kleinen Display da würde ich eher Opera mini empfehlen nutze ich auch wegen der einfachen Bedienung gerne, obwohl Bedienbarkeit des Androiden für Sehbehinderte ein Thema für sich ist!

— · 13. Mai 2015, 20:30

Ihgitt, die Farbeinstellungsseite sieht mit den Gelb ja aus wie ne Videotextseite eines Fernsehsender oder die alte BTX-Seite das tut nicht not, da sah die Doseingabeseite oder jetzt der Linuxterminal viel besser aus, sag mal hat diese Tubaroo Mozilla etwar Farbenblind gemacht

Es ist schon mehrmals, auch in diesem Artikel, erwähnt worden, dass es Sehbehinderte gibt, die schwarzen Hintergrund und gelbe Schrift benötigen und auch dass ich als beteiligte Autorin zu dieser Gruppe gehöre, ist bereits mehrmals erwähnt worden. Weiße Schrift wurde auch schon ausprobiert, ist als Notlösung verwendbar, aber nicht als Dauereinsatz.

Übrigens: die alten Btx-Seiten hatten dafür dann aber zu kleine Schrift, ebenso das Dos-Fenster. :)

— jr · 13. Mai 2015, 21:02

@ jr!
Danke für den Kommentar und den Artikel, ich bin auch sehbehindert und habe auch Schwierigkeiten, wenn bei schwarzen Hintergrund bunte Schriftfarben sind und auch nicht jeder gelbton ist mir ne Hilfe vorallen wenn die Schrift sehr klein ist und das Gelb zu grell ist und die Zeichern,Buchstaben,Zahlen zu dünn sind ich ziehe Schwarz-auf-Weiß Fettcursiv vor, aber das mit der zu kleinen Schrift begegnet uns Sehbehinderte überall und nicht nur beim Firefox,beim PC,beim Smartphone usw auch bei der Bank kann es bei Kontoüberweisungen ausfüllen besonders heute beim Sepaverfahren bei langen Kontonummern(Iban) ausfüllen zu Problemen kommen weil wir so kleine Zahlen nicht mehr ins Kontofeld eintragen da haben sich unsere Banken kaum Gedanken darüber gemacht dasß das Kleingedruckte etwas größer gerade weil es Sehbehinderte gibt auch mehr durch den demografischen Wandel da die Leute älter werden und zunehmend auch Sehschwächen entwickeln auch Handys werden irgendwann zum Problem wenn sie zu klein gebaut werden und es fehlt beim Smartphone dank des Touchscreen keine Huckeltaste in der Zahlenmitte des Tastaturfeldes da es keine analoge Tastatur mehr auf den Smartphone gibts man muß wenn die Sehbehinderung zunimmt ein Seniorentelefon kaufen was weniger Funktionen hat und dafür recht teuer ist,da wird wieder an uns verdient, dabei werden due Leute in den Chefetagen auch älter schauen Sie mal die Fernbedienungen der TVs im Elektromarkt an ob die alle bei der 5 den Blindenhuckel haben der ist bei dunkelheit ne große Hilfe am Festnetztelefin gibts ihn seit Einführung des Tastentelefon noch aber oft müßen jene mobilen Teile aus Tasten bestehen die Klavierglanz haben wo man auf den Tasten nicht mehr die Nummern,Zahlen erkennen kann und am TV ist oft der Fernsehsender nicht zu erkennen auch die Sender könnten sich in Sachen Inklusion auch darüber Gedanken machen,Hürden sind genug jeden Tag zu bewältigen, die zählt man eigentlich nicht mit!

— · 13. Mai 2015, 22:13

Für extrem Sehbehinderte und Blinde gibt es ansonsten noch den Elinks-Browser, ist ua. in den Debian Repos und im Adriane-Knoppix enthalten: http://www.knopper.net/knoppix-adriane/

— Icedoof Gomsox · 14. Mai 2015, 00:39

@Isch: Ist Kritik für dich Bashing?
Das heißt du bevorzugst das kritiklose Leben? und keiner darf etwas schlechtes, sei es auch noch so berechtigt, über ein Produkt sagen?

Findest du das innovativer?

Ich denke Innovation kann durch Kritik nur profitieren

— Struppi · 14. Mai 2015, 10:19

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