Warum ich Linux auf dem Desktop nutze

6. Juli 2019

Von der Frage „Warum benutzt du Linux?“ wurde ich vor kurzem kalt erwischt. Und bei den Flurgesprächen geht es immer nur um „Windows oder Mac?“. Doch es gibt uns, die kleine Schar an glücklichen Linuxnutzern, die mit dem System wie selbstverständlich arbeitet, nichts vermisst oder Nachteile wegen diverser Vorteile in Kauf nimmt. Zeit für eine Antwort …

Linuxrechner im Büro

Auch im Jahr 2019 scheint man immer noch zu den Exoten zu gehören, wenn man auf PC oder Notebook ein Linux laufen hat. Trotz ehemaligem Ubuntu-Hype und dem so entstandenen leisen Gefühl, dass Linux zwischenzeitlich doch endlich mal im Mainstream angekommen war. Doch das scheint doch alles sehr subjektiv zu sein, denn im Real Life muss ich andere Linuxnutzer mit der Lupe suchen. Mit einer sehr großen. Mac und Windows, wohin man schaut. Auch viele Weggefährten von einst haben sich von Linux mittlerweile verabschiedet und sind mit Mac oder Windows glücklich geworden, sogar einige einst richtig eingefleischte Linux-Fans haben irgendwann die Segel gestrichen. Die Leute, die Wert auf Stil legen, haben ihren Mac – und die große Masse ist pragmatisch mit dem Arbeitstier Windows unterwegs, so mein Eindruck.

Der Exotenstatus wurde mir kürzlich einmal wieder so richtig bewusst, als es in einem Gespräch darum ging, dass Mac OS ja viel besser und nervenschonender wäre als Windows – Linux kam in dem Gespräch gar nicht vor. Mein Einwand, dass auch ein Blick auf Linux lohnen würde, wurde allseits mit einem Blick beantwortet, als hätte ein Obdachloser gerade von seinen vergoldeten Wasserhähnen im Badezimmer erzählt – eine Mischung aus überheblichem Mitleid, peinlicher Berührtheit und raschem Wegsehen schlug mir entgegen. „Den kann man doch nicht ernst nehmen“ oder einfach nur „Häh?“ schien in den Köpfen vorzugehen.

„Warum benutzt du eigentlich Linux?“

Neulich stellte mir ein Kollege dann die Frage: „Warum benutzt du eigentlich Linux?“ Ja, warum eigentlich? Ich hatte tatsächlich keine spontane Antwort parat. Das Pinguinbetriebssystem auf dem Desktop ist für mich so selbstverständlich und Normalität, dass ich über die Frage erst einmal nachdenken musste. Mit den Vor- und Nachteilen hatte ich mich gedanklich schon ewig nicht mehr befasst.

Die Frage stellt sich normalerweise einfach nicht. Als jahrelanger Linuxnutzer benutzt man eben Linux, um es einmal platt zu sagen. Dass das für das Umfeld befremdlich wirken kann und Stirnrunzeln auslöst, darauf ist man dann gar nicht mehr vorbereitet. Wahrscheinlich muss ich gewirkt haben, als würde ich darüber nachdenken, wie man dem Pöbel nun am besten erklärt, warum man auch in der Küche goldene Wasserhähne haben sollte.

Weil man sich nicht mit weniger zufriedengeben muss

Warum also tut sich ein Nichtprogrammierer dieses komplizierte, unübersichtliche Server- und Nerd-System auf dem Desktop an? Mittlerweile natürlich aus simpler Gewohnheit. Da sind all die kleinen Tricks und Helferlein, die genialen Dinge, aus denen man auch mit Bordmitteln richtig viel zaubern kann bei der alltäglichen Arbeit. Mit dem Mausrad die Arbeitsfläche wechseln. Programme automatisch auf unterschiedliche Desktops sortieren lassen. Dateisortierfunktionen individuell über Kontextmenüs organisieren. Fensterlisten, die jeden Übersichtsmodus schlagen. Verschlüsselte FTP-Verbindungen direkt in den normalen Dateimanager integrieren. Und so weiter und so fort. Wenn ich dann doch mal unter Windows oder Mac unterwegs bin, dann fehlen mir all die Handgriffe, die man sich mit den Linuxoberflächen einrichten kann, schmerzlich. Ja, man kann auch mit Windows und Mac angenehm arbeiten, aber persönlich fehlt mir dort immer der letzte Schliff. Es fühlt sich irgendwie immer etwas umständlicher an.

„Für Linuxnutzer ist die neueste Oberfläche immer nur ein Angebot“

Aber da muss es ja irgendwann auch mal Gründe gegeben haben, warum ich erstmals zu Linux gegriffen habe, bevor ich mich an all die Annehmlichkeiten gewöhnen konnte. Und die damaligen Gründe sind eigentlich immer noch dieselben, die mich auch heute noch von Linux überzeugen würden: Unabhängigkeit, Sicherheit und Sympathie.

Sicherheit meint dabei gar nicht mal so sehr die Sicherheit vor Viren und Verschlüsselungstrojanern, sondern vor allem die Sicherheit, dass ein Betriebsystemhersteller nicht einfach entscheiden kann, mit dem nächsten Update irgendwelche Funktionen zu streichen oder mir neue Arbeitsabläufe aufzuzwingen. Denn für einen Linuxnutzer ist die neueste Oberfläche immer nur ein Angebot. Wenn’s gefällt, wird es benutzt, und wenn es nicht passt, wird es passend gemacht oder einfach eine Alternative genommen – im Fall der Fälle sogar eine Weiterentwicklung einer schon aufgegebenen, veralteten Oberfläche. Wie das aktuelle Windows nach dem übernächsten Update aussieht, ist ungewiss, bei einer LTS-Linuxdistribution kann ich mich darauf verlassen, dass die Buttons und Knöpfe auch in den nächsten 5 Jahren noch an derselben Stelle sitzen.

Damit ist auch schon die Unabhängigkeit skizziert, die durch die Möglichkeit einer sehr individuellen Nutzung besteht: Im Gegensatz zu Mac und Windows bekomme ich nicht nur eine Oberfläche vorgesetzt, sondern kann die zu meinen Anforderungen passende wählen. Aber bereits beim Unterbau hat man die freie Wahl, man nimmt das für seine Zwecke geeignetste Linux: Soll der Rechner jahrelang einfach nur identisch funktionieren? Zack, ab zu Debian & Co. Darf’s der letzte Schrei sein? Ab zu Fedora oder einer Rolling-Release-Distribution. Will man was lernen und sein System wirklich verstehen? Arch & Co.sagen herzlich willkommen. Denn „das eine Linux“ gibt es gar nicht, es existieren viele Ausprägungen um den Betriebssystemkern herum. Wie bei einem Tuschkasten: blaue, rote, grüne, schwarze und violette Distributionen, ganz nach Geschmack und Einsatzgebiet.

Und dann gibt es da noch so Kleinigkeiten, die mich woanders einfach nerven. Windows knallt mir in schöner Regelmäßigkeit ein Fenster über den Workflow, um mir mitzuteilen, dass Updates bereitstehen. Das erfordert dann meistens einen Neustart, während dem ich „den Computer nicht ausschalten darf“. Bei meinem Linux blinkt ein kleines Symbol in der Leiste – und die Installation läuft im Hintergrund ohne Neustart im laufenden Betrieb. Und während ich bei Windows 10 die Privatsphäreeinstellungen durcharbeiten muss, gibt es so etwas bei Linux erst gar nicht – Ausnahmen bestätigen die Regel. Bei Linux habe ich das Gefühl, nicht belästigt zu werden und ein System zu benutzen, das in meinem Interesse arbeitet. Bei Windows habe ich oft das Gefühl, dass da noch andere Interessen eine Rolle spielen.

Wenn der WLAN-Drucker nicht will

Natürlich gibt es auch Dinge, die nicht so schön sind. Zum Beispiel dass man für manche Programme dann doch wieder ein Windows braucht, gerade im beruflichen Umfeld. Und manchmal gibt es auch Momente, in denen die Vielfalt nervt und man sich nicht schon wieder zwischen hundert Möglichkeiten entscheiden will. Manchmal will man sich einfach nicht zwischen 50 Desktopkonfigurationen entscheiden müssen, von denen doch keine alles richtig kann. Oder ganz banale Sachen wollen einfach nicht klappen, wie z. B. die Druckerverbindung über das WLAN. Und bei der Software kann man zwar aus einem riesigen Fundus wählen, doch bei kommerziellen Lösungen muss man auf Webanwendungen ausweichen oder letztlich eben doch Windows oder Mac OS booten. Warum dann nicht gleich komplett Windows oder Mac nehmen? Weil ich damit auch auf die Vorteile verzichten würde. Wenn Linux out of the box funktioniert (was es meistens tut), dann ist es simpler, als jeder Windows-Installer sein kann, intuitiv und aus einem Guss benutzbar, wie es Mac-OS-Nutzer gewohnt sind, aber ohne dabei auf bestimmte Hardware beschränkt zu sein. Wenn es mal nicht funktioniert, dann ist zugegebenermaßen Bastelei angesagt – doch entweder findet man die richtige Lösung schon um die Ecke oder kann in den vielen Foren den Quasi-Live-Support der versammelten Linuxnutzerschaft in Anspruch nehmen – oder probiert einfach eine andere Farbe aus dem Tuschkasten aus.

Linux ist Luxus

Ich gehöre sicher nicht zu den ideologischen Verfechtern freier Software, obwohl auch ich von ihr profitiere. Als Anwender gefallen mir auch Windows und Mac OS, und meine alltägliche Arbeit könnte ich auch damit gut erledigen. Insofern – und gerade weil ich manchmal auch zu anderen Systemen wechseln muss – ist Linux letztendlich ein Luxus, den ich mir bewusst leiste. Ein Luxus, der von dem Gefühl bestimmt wird, beim technisch richtigen System gelandet zu sein, das das Beste aus allen Welten nach Lust und Laune bietet … und das dabei nie langweilig wird und immer wieder Spaß macht, statt für Frust zu sorgen. Weil man auch als Anwender zu einem großen Teil Kontrolle über das System hat. Weil man damit viel mehr Individualität umsetzen kann. Dafür nimmt man dann gern in Kauf, argwöhnisch beäugt zu werden, wenn man den Pinguin auf dem Schirm hat, obwohl man weder Server aufsetzt noch Anwendungen entwickelt. Als Feld-Wald-und-Wiesen-Anwender bleibe ich wohl ein Exot. Aber das aus Überzeugung.


aus der Kategorie: / Tratsch /

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Kommentare

Eine meiner Meinung nach ganz hervorragender Text. Der trifft auf mich komplett zu. Ich bin kein Programmierer (und wenn dann ein sehr kleiner), ich benutze es einfach (Kubuntu, ich liebäugele mit Dedian KDE). Beruflich muss ich natürlich Windows nutzen, das funktioniert zwar, macht aber keinen Spaß.
Vielen Dank Knetfeder, aus den von Dir genannten Gründen benutze ich Linux.

— Der Andi · 6. Juli 2019, 18:16

Der Text spricht mir aus dem Herzen! Ein Argument sollte auch noch betont werden: Linux ist kostenlos :)
und … es gibt neben Linux noch Unix (BSD) aber das ist was für ganz Harte.

— didi · 6. Juli 2019, 20:25

Der Artikel macht mich traurig, denn der Artikel klingt, als wärst du in Linux gefangen, obwohl du mit BSD viel glücklicher wärst. Gib nicht auf, du kannst es schaffen! Befrei dich!

tux. · 6. Juli 2019, 20:35

Ah! Eine sehr interessante Frage, mit dieser Frage werde ich auch des öfteren von anderen Leuten konfrontiert, die sich aus welchen Grund auch immer, für Win oder Mac auf ihren Rechnern entschieden haben. Führer hätte ich noch versucht, sie von Linux zu überzeugen, das ist zwar möglich, aber sinnlos. Aber so ist das nun mal, ich weiß es zu schätzen, und bin froh, das es diese Alternative gibt, und sei es nur aus Gründen des Datenschutzes.

— Detlef · 6. Juli 2019, 20:50

mit BSD viel glücklicher wärst. Gib nicht auf, du kannst es schaffen! Befrei dich!

Ich dachte, das wäre nur was für die ganz Harten? Das wird für mich wohl ein unerreichbares Ziel bleiben :)

— Pinguinzubehör · 6. Juli 2019, 21:47

Aber wer weiß … vielleicht wenn ich irgendwo mal über einen „Warum ich BSD auf dem Desktop nutze“-Artikel stolpere …

— Pinguinzubehör · 6. Juli 2019, 21:50

Also wenn mich jemand fragt, warum ich den Linux nutze (wenn auch in der VirtaulBox), sage ich immer, wegen seinen Funktionen. Letztendlich sind es eben die Funktionen eines Betriebssystems, das sich von anderen Betriebssystemen unterscheidet. Ich war auch mal richtiger Linux Anwender, habe aber wie viele andere letztendlich „das Handtuch geworfen“. Heute nutze ich eben Windows und Mac. Linux (openSuSE Leap) eben in der VirtualBox, falls mich die Lust befällt. Das Linux ein Open Source Betriebssystem ist, finde ich ebenfalls richtig faszinierend. Auf meiner Virtuellen Linux-Kiste laufen auch kein LO, Multimedia oder Spiele, sondern Entwicklungswerkzeuge die ich zu erlernen versuche. Wenn ich das könnte, kann ich die Vorteile dieses Betriebssystems dann richtig nutzen. Vielleicht bringt mich das auch wieder zurück zu Linux.

Beruflich bin ich Anwendungsentwickler, aber eben unter Windows und Microsoft hat es schon früh verstanden, ihr System den Entwicklern zugänglich zu machen. Das merke ich weil der Anfang unter Windows nicht wirklich schwer erscheint. Mit den Linux IDEs bin ich momentan nicht glücklich. CodeLite, CodeBlocks, Anjuta, KDevelop machen auf mich keinen Überzeugenden Eindruck. Ein Teil scheint gar nicht zu gehen, weil Bugs (übrigens lange gemeldet aber nicht behoben, das gehört auch zur realität) ihre Nutzung unmöglich machen. Andere muss man erstmal Raketenwissenschaftlich ergründen, damit man versteht wie diese funktionieren, oder warum die nicht funktionieren. Übrigens geht es nicht nur mir so. Ich kenne fast nur Windows-Entwickler, ABER viele haben sich auch mit Linux beschäftigt und viele haben es anschließend aufgegeben.

Sicher kann man sich auf die Suche nach seiner „richtigen“ Distribution machen. Wenn man 20 ist und ungebunden. Mit Arbeit und Familie wird die Suche dann aber zur „Jahres“ oder Lebensaufgabe und nachdem man nach paar Wochen sein neu installiertes Linux wieder bootet, weiß man schon gar nicht mehr, wieso man sich diese überhaupt installiert hat. Damit will ich sagen, das auch im Jahr 2019 Linux immer noch besser werden muss. Ich kenne mittlerweile viele Leute die Linux angeschaut haben und auch Interesse zeigen. Aber wegen verschiedenen Problemen eben nicht nutzen können. 2006 war ich noch überzeugt das 2016 Linux längst auf dem Desktop dominieren wird. Heute weiß ich das Linux im Jahr 2019 fast immer noch die selben Probleme wie 2006 besitzt. Echt Schade.

— Abbc · 6. Juli 2019, 22:31

„Linux ist Luxus“ trifft es ganz gut. Ich würde aber noch einfacher sagen „Linux macht Spaß“. Ich kann mein System genau so aufsetzen, wie es mir gefällt und man merkt bei vielen Anwendungen, dass die Entwickler Freude an ihrer Arbeit hatten. Bei Windows wirken die Menüs und Texte auf mich oft so steif wie ein Schreiben vom Finanzamt. Und Mac finde ich langweilig, weil viel zu wenig technisch.

— ArnoW · 6. Juli 2019, 22:46

„Zum Beispiel dass man für manche Programme dann doch wieder ein Windows braucht, gerade im beruflichen Umfeld.“

Wenn man so einen Satz schreibt, ist es ganz Wichtig auch die fehlenden Programme zu nennen. Nur dann kann ein Nutzer auch entscheiden ob das für ihn ein wirklich notwendiges Programm fehlt. So schreckst du die Menschen doch nur zusätzlich ab. Wenn man ernsthaft die Einsatzfähigkeit für einen selbst herausfinden will hilft das Statement gar nicht.

Im Übrigen sind diese „notwendigen“ Programme zu 95% nur ein Vorwand um nicht umdenken und umlernen zu müssen. Was natürlich auch legitim ist. ;-)

— · 7. Juli 2019, 11:03

Linux: Langweilig und macht einsam

Linux ist langweilig! Sorry, aber das ist meine langjährige Erfahrung. Ich habe über 20 Jahre Windows hinter mir. 20 Jahre Spannung, Herausforderung, Support. Damals war ich noch wer. 20 Jahre war ich Guru, die Erleuchtete, die Expertin schlechthin. Ok, ich war natürlich auch die „Spinnerte“. Die bebrillte Computeridiotin die mit ihren Updates und Patches unterm Kopfkissen schläft. Der Freak, der mit 1001 Virenscanner in der Hosentasche auf jedem PC einen Virus fand. Ich musste nur lange genug danach suchen.

Eines Tages, es war eine laue Sonntag-Nacht, war es dann soweit. Ich war verzweifelt. Noch immer drei PCs zum desinfizieren und neu installieren. Der Montag dämmerte und ich sah vor meinem geistigen Auge die enttäuschten Gesichter der Freunde und die unfertigen PCs. Ich hatte versagt! Das alles wurde mir zu viel. Der hilfesuchende Freundeskreis war ins unermessliche gewachsen und die Wochenenden zum Platten putzen und neu installieren reichten einfach nicht mehr. Gab es noch ein anderes Leben ohne Security Bulletins und Virenalarm?

Am morgen dann, heulte ich mich bei meiner Freundin aus. Klagte über mein Schicksal, schimpfte wie immer auf die unfähigen User und natürlich auf Microsoft und das grottige Windows. Meine Freundin hörte sich meine Litanei eine Zeitlang an um mich dann spontan zu unterbrechen: „Sag mal, wenn dieses Windows so schlecht ist, die User zu blöd um damit umzugehen, der Hersteller mit dem Mist viel Geld verdient und du das Ganze für lau am Leben hältst, macht das für dich Sinn!?“

„Öhm….?“, ich hasse es wenn meine Freundin in technischen Belangen einfach mit Vernunft daherkommen. So kann man doch nicht diskutieren! Die Freunde, nein die Menschheit war auf mich angewiesen, jemand musste doch…
Wie immer schien sie meine Gedanken zu erraten und holte zur nächsten Breitseite aus:
„Gibt es kein System das einfach funktioniert? Etwas das du einmal installierst und dann deine Ruhe hast? Das würde doch allen helfen. Was ist mit diesem Stefan, der hat doch auch einen PC und dich noch nie um Hilfe gebeten. Frag den doch mal!“

Och nö, ausgerechnet Stefan, dieser unsympathische Typ, der der immer mitleidig lächelt wenn ich von meinen großen PC-Support-Erfolgen erzähle. Den brauchte ich gar nicht fragen, ich wusste das er so ein Linux-Spinner war, einer der so tut als könne er damit arbeiten. Das war doch keine ernstzunehmende Alternative… kam gar nicht in die Tüte…

Natürlich hab ich ihn dann doch gefragt. Eigentlich ganz nett der Typ. Hilfsbereit und Auskunftsfreudig. Linux? Das verwende er schon lange nicht mehr. Der Support 1-2 mal im Jahr(!) für die Familie war ihm zu viel geworden, er erschlug das Problem lieber mit Geld und nutze nun Mac.

Hä!? Ein- bis zweimal im Jahr Linuxsupport war ihm zuviel!? Nicht 104 Tage + Ferien und Feiertage!?

Ein Jahr später war ich selbst komplett auf Ubuntu umgestiegen und hatte all meine Freunde mitgerissen. Über 30 Familien, nun schon seit Jahren Linuxer. Der Umstieg war hart, doch mit jedem Umstieg ging es immer schneller und einfacher. Der Support wanderte Richtung Nulllinie. Anfangs gab es noch alle vier Jahre ein Highlight, eine Supportspitze wenn die LTS Versionen ausliefen. Doch inzwischen pflegen die „Freunde“ ihr Ubuntu selbst – undankbares Pack!
Eine Familie hat sogar offen Verrat begangen und ist selbstständig zu Mint gewechselt – Verräterbande!

Ich war einsam und hatte gefühlt 0 Freunde! Natürlich kamen die Freunde noch zu Besuch, und im Gegensatz zu früher unternahmen wir gemeinsam an den Wochenenden etwas. Doch keiner wollte mehr mein überlegenes Wissen. Die morgendlichen Gespräche mit meiner Freundin waren auch ziemlich eintönig geworden:
„Was macht dieses Linux?“
„Läuft!“
Ende der Transmission…

Letzten Winter hat mich dann die Sehnsucht gepackt. Es war eine kristallklare Nacht, man hätte eine Schneeflocke meilenweit fallen hören. Die Flüche des knusprigen Nachbarn waren kaum zu überhören, die wütenden Tritte an das PC-Gehäuse auch nicht. Ich konnte nicht widerstehen…
Er war ziemlich verdutzt als ich kurz nach Mitternacht bei ihm klingelte und um 5000g Zucker und 10 Liter Milch für meinen Notfallkuchen bat.
„Verzeihen Sie, ich kam nicht umhin zu hören das Sie ein PC-Problem haben!? Ah, ein neues W10 Update? Hmmmm, Hmmmmm… Haben Sie schon versucht… Kuchen? Ach, der Kuchen, nein das hat Zeit, den kann ich auch nächste Woche noch backen…“

— Balkis · 7. Juli 2019, 13:19

Wenn man so einen Satz schreibt, ist es ganz Wichtig auch die fehlenden Programme zu nennen. Nur dann kann ein Nutzer auch entscheiden ob das für ihn ein wirklich notwendiges Programm fehlt. So schreckst du die Menschen doch nur zusätzlich ab.

Stimmt, das hatte ich gar nicht bedacht. Leider lässt sich das nicht verallgemeinern. Wenn ich jetzt schreibe, dass ich in manchen Fällen auf MS Office angewiesen bin, dann sagen a) wieder einige, dass es doch für MS Office wirklich viele Alternativen gibt (was aber nicht weiterhilft, wenn man eben drauf angewiesen ist), und b) hilft es den Verunsicherten auch nicht weiter, wenn sie wissen, dass ich MS Office brauche, weil das ja eben noch lange nicht heißt, dass sie es deswegen auch benötigen würden.

Vielleicht könnte man es so formulieren: Wer auf bestimmte Programme angewiesen ist, die nur für Mac OS oder Windows verfügbar sind, muss prüfen, ob er stattdessen eine für Linux vorhandene Alternative nutzen kann – oder dies tatsächlich ein Hinderungsgrund für die (alleinige) Linuxnutzung darstellt.

Zum MS-Office-Dilemma werde ich mal extra was schreiben müssen, das sprengt hier den Rahmen.

— Pinguinzubehör · 7. Juli 2019, 15:05

[…] „Verzeihen Sie, ich kam nicht umhin zu hören das Sie ein PC-Problem haben!? Ah, ein neues W10 Update? Hmmmm, Hmmmmm… Haben Sie schon versucht… Kuchen? Ach, der Kuchen, nein das hat Zeit, den kann ich auch nächste Woche noch backen…“

Brillant. Herrlich geschrieben!
… Aber reine Fiktion. Der Mittelteil ist einfach zu unglaubwürdig: Der Freundeskreis wäre spätestens beim nächsten Computerkauf wieder bei Windows gelandet statt bei Mint.

— Pinguinzubehör · 7. Juli 2019, 15:21

@Balkis: Genial! Genau so sieht’s aus. Und keine Freunde, aber Leidensgefährten, findest Du beim Besuch einer LUG in Deiner Nähe… ;) (Und wenn Dir richtig langweilig ist: stell Dich und zwei bis drei Bekannte auf Debian Sid um, dann gibt’s auch mal wieder interessante Updates)

— aynoS · 7. Juli 2019, 15:33

Der Text entspricht genau meinen Erfahrungen und Ansichten. Ich bin seit über 30 Jahren in der IT unterwegs und hauptberuflich als Admin einer mittelständischen Firma für ein Windows-Netzwerk verantwortlich, nebenberuflich biete ich unter anderem Linux-Service an und bin privat seit 2003 fast vollständig auf Linux umgestiegen. Mein kleines unbeugsames Windows-Dorf ist die jährliche Steuererklärung, da ist die kontinuierliche Datenweiterverwendung vom Vorjahr im Steuerprogramm einfach zu bequem.

Meines Erachtens gibt es zwei Arten von IT-Verantwortlichen (Admins, Techniker, der IT-Spezi in der Verwandtschaft): solche, die sich als Problemlöser verstehen, und solche, die Probleme lieber vermeiden und dafür sorgen, dass ein System einfach läuft. Wer finanziell darauf angewiesen ist, dass Computer Störungen haben, muss Windows lieben. Ich habe in meinen 3 Jahrzehnten IT nie zuvor ein Betriebssystem gesehen, das so oft an seinen eigenen Funktionen und Updates verreckt wie Windows 10. In unserer Firma, die derzeit schrittweise von Windows 7 darauf umsteigt, hat es bereits mehrere solche Totalausfälle gegeben – sogar ein brandneues Notebook, das im Auslieferungszustand nach Abschluss der Installation und Durchführung aller Updates nicht mehr booten wollte und deshalb an den Händler zurückging. Häufig funktioniert nicht einmal das Zurückversetzen in den Urzustand. Windows 10 ist aus meiner Sicht ganz grundsätzlich nicht markttauglich.

Ich sehe mich als Admin eher im zweiten Lager: das System soll funktionieren und arbeiten und möglichst wenig Sorgen bereiten. Und das tut Linux. Wenn einmal Probleme auftreten, weiß ich, dass sie lösbar sind – oder dass es an den Grenzen meiner Fähigkeiten liegt, wenn ich es nicht hinbekomme. Bei Windows ist es hingegen in der Regel so, dass es entweder ein benutzerverursachtes triviales Problem ist, das sich durch ein Häkchen in einem Klicki-Bunti-Fenster lösen lässt, oder ein unlösbares. Dazwischen gibt es nur sehr selten Möglichkeiten. Mit jeder Windows-Version wird man als Admin ein Stück weiter entmachtet. Wenn ich also die IT-Entscheidungen in diesem Unternehmen treffen könnte, wäre Windows längst raus.

Ein kleines PS sei noch erlaubt: der Kommentar von Balkis ist viel zu schade dafür, nur ein Kommentar zu sein. ;)

Robin Pfeifer · 8. Juli 2019, 10:38

Ein schöner Text, den ich voll bestätigen kann! Ergänzend: Wenn ich sehe, wie oft KollegInnen mit Problemen unter sämtlichen Windowsversionen, zum Teil wegen einfachster Dinge (z.B. flexible Screenshots) zu mir kommen, weiß ich, warum ich Ubuntu-Linux einsetze. Auch wenn es in den vielen Jahren immer mal wieder Probleme gab, so fand sich auch immer eine Lösung, vor allem dank der tollen Menschen aus der Community. Ich mache RAW-Bidlbearbeitung, Videoschnitt, TeX etc., alles funktioniert problemlos und schnell. Und ja, es geht auch alles unter Windows und wahrscheinlich auch unter Mac (kann ich wenig zu sagen), aber mich gruselt das Bedienkonzept unter Windows von Version zu Version immer mehr. Aber man hat ja meistens zum Glück die Freiheit, sich das System zu nehmen, bei welchem man meint, dass es zu seinen Wünschen passt.

Martin · 8. Juli 2019, 19:27

Am Ende des Artikels hatte ich kurz den Impuls aufzuspringen und zu applaudieren. ;)

Ich würde gerne noch zwei Adjektive ergänzen:
Wenn ich mal an Windowsrechnern sitze, empfinde ich mittlerweile sowohl das Betriebssystem als auch viele Anwendungen als extrem „aufdringlich“ und wenn ich zum 15-Minuten-Update gezwungen werde, obwohl ich das Notebook jetzt aber wegpacken und losfahren muss, sogar „übergriffig“.

In meiner Ausbildung hat mal ein Chef zu mir gesagt, „Sie müssen sich immer vorstellen, neben Ihnen droht das Atomkraftwerk zu explodieren und dies ist der Rechner, der das verhindern soll. So fällt es Ihnen ganz leicht zu entscheiden, was Sie dem Nutzer auf den Bildschirm knallen und was nicht.“

Walter

— Walter · 12. Juli 2019, 15:36

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