Alleingang adé: Ubuntu kehrt zu Gnome zurück

6. April 2017

Kein verspäteter Aprilscherz: Canonical gibt Unity auf und wird im kommenden Jahr wieder Gnome als Standardoberfläche für Ubuntu nutzen. Ubuntu kehrt damit ein Stück zu seinen Wurzeln zurück, denn mit Gnome fing damals alles an.


Haltbarkeitsdatum überschritten: Unity-Oberfläche von Ubuntu

Das bringt wieder etwas Bewegung in die Distributionswelt. Denn einerseits war Unity immer ein Sonderweg, andererseits war Unity aber auch eine wunderbare Oberfläche – genau das, was sich der durchschnittliche Anwender unter einem komfortablen Desktop-Betriebssystem vorstellt. Natürlich war viel vom Mac abgeschaut, Canonical versuchte, mit Unity das Beste vom Mac-Flair für Linux zu etablieren. Diese Option wird in Zukunft entfallen.

Es war aber auch vorhersehbar: Ubuntu versuchte mit einem Sonderweg, den Linuxdesktop neu aufzurollen. Das hätte funktionieren können, wenn Unity um Welten besser gewesen wäre als andere Oberflächen. Doch letztlich war es auch nur ein Desktop unter vielen, zudem beschädigt durch intransparente Monetarisierungsversuche, wie sie sich aktuell Microsoft leistet. Die Kehrtwende zu Gnome kommt dennoch überraschend. Auch eine Hinwendung zu KDE und Konsorten wäre schließlich eine Option gewesen.

Unity entsprach einfach nicht dem Linux-Ideal, es sorgte nicht für mehr Freiheiten, sondern schränkte sie eher ein Es blieb eine Eigenentwicklung von Canonical, die nur mit Ubuntu wirklich funktionierte. Versuche, Unity auf anderen Distributionen anzubieten, scheiterten nach kurzer Zeit.

Michael Kofler fragt bereits, ob das Ende von Unity auch das generelle Ende von Ubuntu als der Desktop-Distribution bedeuten könnte, ein erster Schritt auf dem generellen Rückzug Canonicals vom Desktop-Linux – und damit praktisch ein Ende von Linux als Desktop-System insgesamt. Werden bald wieder nur noch Nerds Linux auf ihrem Rechner haben? Sollte Ubuntu tatsächlich irgendwann seine Desktopbemühungen ganz einstellen, werden andere einsteigerfreundliche Distributionen diese Lücke in der Tat kaum füllen können.

Es könnte aber auch positiv gesehen werden: Künftig gibt es nun erstmals ein Gnome-Derivat weniger als eines mehr – und es wird spannend, wie sich das auf die Akzeptanz von Gnome auswirken wird, wenn Ubuntu als eine der immer noch beliebtesten Distributionen Gnome wieder zur ersten Wahl macht. Nun müsste quasi nur noch Linux Mint Cinnamon und Mate den Rücken kehren – und „Linux“ hätte wieder so etwas wie ein einheitliches Gesicht.


aus der Kategorie: / Tratsch / Distributionen

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Kommentare

Sicher dass es einheitlicher wird? Ich kann mir trotz Rückkehr zu Gnome nicht vorstellen, dass Ubuntu auf deutliche Alleinstellungsmerkmale verzichten wird. Ich bin sehr gespannt.

Sebastian · 6. April 2017, 08:10

Unity ist/war nicht nur ein Gnome-Fork, da Unity auch viele Elemente von QT/QML enthielt.

Mich würde es eher freuen, wenn Mate und Xfce zusammenarbeiten würden oder aufeinander zugehen, da die beiden sehr viele Gemeinsamkeiten haben. :-)

— anonyme Klasse · 6. April 2017, 08:22

Gibts da auch einen Link zu Ubuntu, der die Behauptung bestätigt?

Danke, Link ist nun oben ergänzt: https://insights.ubuntu.com/2017/04/05/growing-ubuntu-for-cloud-and-iot-rather-than-phone-and-convergence/

Pinguinzubehör · 6. April 2017, 08:54

Welche Sachen begründen den die Einsteigerfreundlichkeit die eine kaum zu schließende Lücke bilden sollen?

Meine Erfahrungen mit Ubuntu und Mint sind gleichermaßen eher schlecht, und das fängt schon mit der fehlerhaften Lokalisierung an. Da fehlte ganz oft dem Firefox das deutsche Sprachpaket (stellv. für andere SW) oder die vielen fehlgeschlagenen updates/upgrades wie man in einschlägigen Foren nachlesen kann usw. Klar kann man alles nachträglich ändern. So was passiert bei Debian zum Beispiel nicht, zumindest ist es mir noch nie passiert. Und ich habe schon einige reine Endanwender zu Debian (auf neudeutsch) Migriert. Einer von denen Rief mich erst letzte Woche an, Sein Debian wäre defekt, haben wir uns angeschaut und festgestellt das seine Festplatte defekt ist. Die Reaktion daraufhin war, gut dann kaufe ich mir eine neue und installiere diesmal alles selber und ob ich bei Problemen erreichbar wäre. Das einzige was ich seither wieder hörte/las war eine sms :
Debian installiert funktioniert alles super.
Was ich wirklich gut finde ist das https://wiki.ubuntuusers.de/ aber das gehört nicht mal zu Ubuntu, soweit ich das noch in Erinnerung habe.

Was Ubuntu Einsteigerfreundlich machte ist der ganze Mediale Hype darum, also Marketing.
Und was Einsteigerfreundlichkeit an geht finde ich zum Beispiel
https://de.wikipedia.org/wiki/PCLinuxOS wesentlich besser.

— wmaker · 6. April 2017, 10:25

Was Ubuntu Einsteigerfreundlich machte ist der ganze Mediale Hype darum, also Marketing.

Frage selbst beantwortet – genau das war gemeint, aber nicht nur. Doch es macht die Akzeptanz mit aus. Was immer wieder im Gespräch ist, das wirkt irgendwann vertraut. Viele kennen Ubuntu, und die Community ist groß. Dazu gehört auch die Releasepolitik, die für regelmäßige und LTS-Versionen sorgt. Diese Präsenz haben viele andere Distributionen nicht, unabhängig davon, ob sie nach objektiven Gesichtspunkten einsteigerfreundlicher sind.

Dazu kommt die Mischung, dass eine Firma dahintersteht, das Produkt sich aber sein “Human”-Image erhalten hat (kostenlos, idealistisch, zum Nutzen der Anwender …)
Insofern: ja, Marketing spielt eine nicht kleine Rolle.

Pinguinzubehör · 6. April 2017, 10:46

Den einzigen Vorteil von Ubuntu sehe ich in der größeren Verfügbarkeit von Binärpaketen und in der aktuelleren Software-Auswahl. Z. B. ist der Twitter-Client Corebird in Ubuntu längst enthalten, während er es bei Debian bisher nur in die Experimental-Repos geschafft hat. Trotzdem war Ubuntu für mich keine Option für ein Desktop-System. Das fängt ja schon bei der Installation an, da hat man mit Debians Textmodus gerade bei etwas zickiger Hardware definitiv gewonnen (korrigiert mich, falls Ubuntu sowas auch haben sollte, meine letzte Version war 10.04). Und der Wegfall von Unity beweist mal wieder wie schnellebig Ubuntu sein kann. Als blinder Nutzer lege ich ein bisschen darauf Wert, dass sich Betriebssystem-Oberflächen nicht ständig verändern oder Tools, die man tagtäglich benutzt, irgendwann keine Unterstützung mehr bekommen. In Sachen Accessibility ist GNOME auf jeden Fall eine gute Wahl, auch wenn ich derzeit MATE nutze.

Radiorobbe · 6. April 2017, 11:12

Die Argumente von Shuttleworth sind alle nachvollziehbar auf ihre Weise.
Dennoch: es ist sehr sehr schade, dass es aufgegeben wird, denn das Convergence-Modell war insgesamt genial, traurig, dass das Durchhaltevermögen nicht mehr gereicht hat.

Und noch trauriger finde ich, dass Unity komplett aufgegeben wird, also, wenn ich es richtig verstehe, auch Unity 7.

Ich war immer Fan von Unity und habe sehr gerne damit gearbeitet. Diejenigen Kritiker, die es niemals verwendet haben und nur gemeckert haben, konnte ich eh nie verstehen.

David · 6. April 2017, 11:26

Hi,

o.k. heute morgen dachte ich noch, dass das Satire sei :-)

Ich selber fand Unity immer super. Mein Traum wäre, wenn die Community die weiterpflegen würde und sie dann besser zu anderen Distributionen passen würde. Also, wenn es dann alle großen Distributionen mit Unity gäbe, aber das wird wohl nicht passieren.

Schöne Grüße

Thoys · 6. April 2017, 13:01

> Nun müsste quasi nur noch Linux Mint Cinnamon und Mate den Rücken kehren

Eher wünsche ich mir, dass sich Mint auf die Cinnamon-Debian-Edition konzentriert. Ich jedenfalls vermisse die Ubuntu-Base schon lange nicht mehr.

— thatlldo · 6. April 2017, 17:59

meine kristallkugel sagt, Unity wird geforkt werden und wir werden ein sog. Ubuntunity zum download angeboten bekommen.

— Markus · 6. April 2017, 18:20

Eigentlich ist die ganze Desktop-Thematik zum Kotzen.

Nur weil ein paar Dinge anders gelöst werden, muss gliech ein komplett neues System ran.

Warum wird sich nicht auf EIN Desktop konzentriert? Beispielsweise auf Basis von KDE, welches konfiguriert werden kann bis zum Abwinken. Damit könnte man theoretisch jede andere Umgebung in Optik und Verhalten abbilden. Natürlich müsste hier auch etwas nachgeschliffen werden, u.a. an der Dokumentation.

Dann bräuchte niemand mehr die x-te Abspaltung eines Desktops, der ein paar Details anders machen will. Alle Besonderheiten der jeweiligen Systeme und deren Designprinzipien könnten durch Plugins, Konfigurationsdateien – oder eben durch deren Weglassen – realisiert werden. Jeder hätte seinen Wunsch-Desktop, aber es gäbe einen einheitlichen, leichter wartbaren Unterbau. Man müsste sich nicht ständig umsehen, welches System nun noch weiter entwickelt wird und ob man wechseln soll oder nicht.

Es ist schon bemerkenswert, wie engstirnig das alles ist. Und Canonical war mit Unity nicht besser. Lieber eine weitere Abspaltung mit ein paar Änderungen produzieren und vorantreiben. Hat nix gebracht. Am Ende will jede Desktop-Lösung nur sein eigenes Designprinzip vorantreiben und dem Nutzer aufzwingen. So gesehen keine andere Denkweise als Microsoft mit Windows oder Apple mit Mac.

Meine Traumvorstellung wäre: Ein Linux installieren, nennen wir es mal Ubuntu. Es gäbe kein Kubuntu, Xubuntu, Lubuntu usw. Dieses eine Ubuntu nutzt beispielsweise KDE 4. Ich nehme das Beispiel, weil ich das System recht gut kenne und mir bisher jeglichen Konfigurationswunsch klaglos erfüllt hat! Bei der Installation könnte ein Assistent paar Dinge abklopfen, aus welcher Ecke man kommt. Hätte man es lieber wie ein Windows-User mit Task-Leiste etc. oder wie ein Mac-User mit Dock? Will man das Ding oben, links, unten? Schubst man mehr die Maus oder drückt man viele Tastenkombinationen? Und und und. Am Ende läuft dann Ubuntu mit EINER Basis und DEINER Konfiguration, nicht einem von tausend Forks.

Damit wären einige Probleme schlagartig passé, auch die Fragmentierung. Der Linux “Desktop”, der seit Jahren thematisiert wäre, wäre auch tatsächlich da, er wäre wartbar, er wäre aktuell, und er wäre flexibel für jeden Nutzer-Typ, von Noob bis Nerd.

— armakuni · 9. April 2017, 16:20

Hallo,

Wenn sich ein System nicht durchsetzt, ist es besser, man kehrt zu seinen Wurzeln zurück. Ärgerlich ist nur, das sich ein weiteres Projekt nicht durchsetzen konnte, Das Ubuntu auf Mobilgeräten. Nach dem Aus von Firefox-OS, nun das aus von Ubuntu für Tablet und Smartphone. Dadurch wird sich kaum ein weiterer versuchen, so etwas noch einmal zu etablieren. Das ist echt schade!

— Detlef · 24. April 2017, 12:13

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