Eine Lanze für Unity - Ubuntus Desktop im Test

31. Oktober 2015

Obwohl diese Seite sogar zu den ersten im Ubuntuusers-Planeten gehörte, gab es hier tatsächlich noch nie einen richtigen Artikel zu Ubuntus Standarddesktop, weder zum ehemals zum Einsatz kommenden Gnome 2 noch zum aktuellen Unity. Zeit, das zu ändern: Ein Blick auf den Unity-Desktop.

Ubuntu 15.10 ist frisch erschienen – und betreibt größtenteils reine Produktpflege. Keine aufregenden Neuerungen, keine ausgetauschten Standardprogramme, kein neuer Desktop, kein Wechsel des Themes oder der Knopfreihenfolge. Alles sieht aus und verhält sich wie immer.

Doch auch wenn das neue Ubuntu auf den ersten Blick wie das langweiligste Ubuntu aller Zeiten wirken mag – Ubuntu hat nicht alles falsch gemacht, auch wenn die Linuxdesktop-Begeisterung in der letzten Zeit gefühlt allgemein etwas nachgelassen hat. Ubuntu setzte schon seit seiner Entstehung auf eine klare Linie. Zwar wurden die alternativen Desktops von KDE bis Lubuntu stets parallel angeboten, doch Zugpferd war früher stets die Gnome-Variante, da sich mit Gnome die Vorstellungen Ubuntus vom perfekten Desktop am ehesten umsetzen ließen. Als Gnome 3 mit Gnome-Shell vor der Tür stand, war das auf einmal nicht mehr der Fall, Gnome 3 verfolgte nun andere Ziele, die sich nicht unbedingt mehr mit denen von Ubuntu deckten. Also musste eine Alternative her. Statt bei Gnome 2 zu verharren, auf einen inoffiziellen Nachfolger zu hoffen (der mit Mate dann tatsächlich kam) oder gar auf KDE umzuschwenken, trat Ubuntu die Flucht nach vorne an und schuf mit Unity seine ganz eigene Desktopumgebung.

In der Linuxwelt nimmt Ubuntu seitdem endgültig eine Sonderstellung ein, denn Unitiy läuft heute exklusiv auf Ubuntu. Zwar gab es in der Vergangenheit durchaus Ambitionen, Unity auch z. B. für Fedora oder OpenSUSE verfügbar zu machen, doch scheiterte dies letztendlich. Wer Unity nutzen will, muss Ubuntu wählen. Ein guter Schachzug von Ubuntu, denn Unity gehört in der Tat nicht gerade zu den schlechtesten Linux-Desktops, die es derzeit gibt. Der Einbau von Amazon-Werbung hatte zwar einiges an Kritik hervorgerufen, doch muss man sich eben auch bewusst sein, dass Ubuntu trotz oder gerade wegen dem querfinanzierenden Milliardär Shuttleworth im Rücken keine Stiftung oder ein Freiwilligenprojekt wie andere Distributionen ist, sondern ein gewöhnliches Unternehmen.

Noch immer Gnome

Konzeptionell ist Unity gar nicht mal so weit entfernt vom Konkurrent Gnome. Einerseits, weil die mit Unity ausgelieferten Einzelprogramme immer noch Gnome-Software sind (Dateimanager, Desktopfläche, Terminal …), andererseits, weil auch die Arbeitsabläufe ähnlich sind. Wie auch Gnome nutzt Unity eine Programmstarterleiste vertikal am Rand und einen Übersichtsmodus anstelle eines klassischen Startmenüs, wenn man die Windows-Taste bedient oder sich mit der Maus zu weit oben links aufhält.

Damit enden dann aber die Gemeinsamkeiten. Ubuntu gibt sich nicht so radikal modern wie Gnome, sondern nutzt eher traditionelle Ideen für seine Desktopphilosophie.

Im Ergebnis ist Unity eine Mischung aus Window Maker, Gnome und Mac-OS-X-Designelementen. Und das ist interessanterweise eine Mischung, die beim „einfachen Volk“ wirklich gut anzukommen scheint. Wer keine Spezialvorlieben á la Selbstbausystem, minimalistisches System, Windows-Klon oder Tiling-Fensterverwaltung sucht, fährt mit Unity nicht schlecht. Durch die Ähnlichkeit beim Unterbau ist Unity zudem prädestiniert für Linuxnutzer, die die Gnome-Programme prinzipiell mögen, aber mit der neuen Gnome-Philosophie nicht zurechtkommen.

Linuxumsteiger, denen man z. B. statt ihrem bisherigen Windows XP ein Ubuntu vorsetzt, sind jedenfalls durchaus angetan von Optik und Bedienung – während alte Linux-Hasen wiederum bisweilen die Nase rümpften, weil ihnen ihr altes Ubuntu zu Mac-lastig geworden ist. Doch wenn man sich bewusst macht, dass auch Mac OS eigentlich sein heutiges Konzept NeXTStep verdankt, ist Unity nur ebenfalls ein Schritt zurück zu einem Desktopkonzept aus den 90er Jahren.

Das allerdings ist hauptsächlich Gewöhnung – und nur schwierig, wenn man zu sehr an Windows gewöhnt ist – wobei auch dies nicht mehr stimmt, seit Windows begonnen hat, Mac-OS-Konzepte abzukupfern. Unity, Mac und Windows werden sich dadurch zunehmend ähnlicher, die Hürden beim Wechsel untereinander nehmen ab – und somit auch die Umstellungsprobleme. Mit Gnome 2 hat Unity natürlich ebenso nicht mehr viel zu tun wie die Gnome-Shell, auch wenn es nicht alle bisherigen Konzepte über Bord geworfen hat. Doch Ubuntu macht sogar manches besser als die anderen Vorbilder und wird dadurch in der Summe sogar besser als diese. Vor allem jedoch fängt Unity die Unmöglichkeiten ab, die Gnome seinen Nutzern bisweilen zumutet.

Unity-DockBeispiel Menüleiste
Die Menüleiste wird nicht vollständig versteckt und nach Smartphone-Mode hinter einem Menüknopf versteckt, sondern wird beim Überfahren der Bildschirmleiste oben sichtbar. Dadurch stört die Leiste optisch nicht wie beim Mac, wenn sie nicht gebraucht wird, ist aber da, wenn man doch mal schnell einen Menüpunkt braucht. Auch das Integrieren des Titels in diese Leiste bei maximierten Fenstern ist funktional wie schick und verschendet keinen Platz. Anders als bei Gnome hat man auch das Gefühl, dass die permanent sichtbare Leiste am oberen Bildschirmrand auch wirklich eine tragende Funktion hat.

Beispiel Programmstartleiste (Dock)
Die große Leiste am linken Rand, die die Programme beherbergt, ist standardmäßig permanent sichtbar und direkt mit der Maus erreichbar. Auf Wunsch lässt sich das Dock bei Nichtgebrauch verstecken, es wird aber trotzdem direkt sichtbar bei Mausberührung am Bildschirmrand. Auf diese Weise lassen sich Programmsymbole direkt ansteuern, ohne dass man wie bei Gnome zuerst mit der Maus an die obere Ecke fahren oder die Tastatur zuhilfe nehmen muss. Die Größe der Symole lässt sich per Schieberegler in den Einstellungen modifizieren.

Beispiel „Startmenü“
Das Startmenü nimmt nicht so dominant wie bei Gnome den ganzen Bildschirm ein, ist aber groß genug, um alles schnell und übersichtlich zu finden. Die starke, aber zugleich sehr verwaschene Transparenz macht es glasartig schick, ohne Unleserlichkeit zu riskieren. Die Gliederung von Programmen, zuletzt verwendeten Dateien oder Online-Inhalten steigert die Übersichtlichkeit.

Beispiel Dateimanager
Auch Unity nutzt wie Gnome weiterhin Nautilus bzw. nun „Dateien“, gibt sich aber auch traditioneller und nervenschonender, was das Verhalten angeht. Beginnt man in einem Ordner zu tippen, wird wie gewohnt zu den entsprechenden Dateien gesprungen, statt eine Suche zu initiieren und die restlichen Dateien verschwinden zu lassen. Dateien können mit der Entfernen-Taste direkt in den Papierkorb verschoben werden, statt wie bei Gnome die Strg-Taste hinzunehmen zu müssen. Auch auf dem Desktop lassen sich standardmäßig Desktop-Symbole ablegen.

Beispiel Fenstertitel
Unity verzichtet auch nicht wie Gnome auf separate Fensterleisten, d. h. integriert die Fenstertitel und Steuerknöpfe nicht direkt in die Programmfenster. Das nimmt nur wenig mehr Platz weg (bei maximierten Fenstern gar nicht mehr), macht nicht-bildschirmfüllende Fenster aber besser greifbar und hebt sie deutlicher hervor. Dazu dann noch die edlen runden Buttons auf der linken Seite wie bei Mac (ohne aber dessen Kindergarten-Ampelfarben zu nutzen) und statt kantigen Knöpfen bei Windows. Die Unity-Fensterdeko lässt jedes Fenster dezent-elegant erscheinen. Minimieren und Maximieren sind standardmäßig sichtbar.

Beispiel Fensterwechsel (Alt+Tab)
Auch hier punktet Unity, indem es das übliche Umschalten zwischen Fenstern unterstützt und nicht das eher intuitive Wechseln zwischen Programmen wie bei Gnome. Das erweiterte Auswählen zwischen Fenstern derselben Anwendung ist dabei ebenfalls geschickter gelöst, denn bei längerem Verweilen auf der Alt-Taste vergrößern sich die Fenster einer Programmgruppe entsprechend – und lassen sich durch einfaches Weiterschalten nacheinander anwählen.

Beispiel virtuelle Arbeitsflächen
Diese sind bei Unity standardmäßig deaktiviert, lassen sich aber mit einem Klick dazuschalten, wenn sie benötigt werden. Anders als bei Gnome führen sie per default auch kein Eigenleben und nerven mit auf einmal verschobenen Flächen, sondern sind statisch. Besonders schön ist, dass sie nicht unter- bzw. nebeneinander, sondern über Kreuz angeordnet sind. Auf diese Weise kann man alle Pfeiltasten zur Ansteuerung verwenden (Strg+Alt+…) und kann so z. B. mit den Pfeiltasten direkt von Desktop 4 auf Desktop 2 wechseln.

Man merkt deutlich, dass bei Unity einerseits Pragmatiker am Werk sind, aber auch Designer, die nicht nur Design, sondern auch Kommunikationsdesign gleichermaßen beherrschen. Die Usability, die Benutzbarkeit, wird trotz des schicken Äußeren diesem bei Unity zu keinem Zeitpunkt untergeordnet – im Gegenteil, die graphischen Effekte sind dezent gewählt und unterstützen die Bedienung sinnvoll, statt sie nur optisch aufzuwerten. Unterm Strich ist die Bedienung intuitiver und einfacher.

Unity flutscht
Ubuntu stellt mit Unity unterm Strich einen Linux-Desktop bereit, der einfach so läuft, wie man es erwartet. Und ist noch schick dazu. Als Bonus bei Ubuntu kommt dann noch hinzu, dass man mit zwei Klicks von KDE über XFCE bis Mate einen anderen Desktop nachinstalliert hat, der ebenso gut vorkonfiguriert ist, wenn einem Unity dann doch einmal auf den Keks gehen sollte.

Auch, wenn man Unity aus Prinzip eigentlich kritisch gegenüberstehen müsste, weil es Ubuntu-only ist, kommerziell ausgerichtet und damit einen Sonderweg in der Linuxlandschaft geht, von dem andere Distributionen und die Gemeinschaft insgesamt nicht profitieren, muss man anerkennen: mit Unity hat Ubuntu einen wirklich schönen Linuxdesktop geschaffen, der bei der täglichen Arbeit nicht nur schön anzusehen ist, sondern sich auch gut bedienen lässt. Unity schafft im Ergebnis, das bereitzustellen, was allenfalls noch Linux Mint gelingt und was ein gewöhnlicher Nutzer auf dem Desktop letztendlich möchte: Zuverlässigkeit, Benutzbarkeit, Stabilität – und was fürs Auge.

Bleibt noch die Frage: Was empfiehlt sich, wenn man etwas Unity-Artiges nutzen will, aber kein Ubuntu? Wer ist am nächsten dran an Unity? Für die ganz Harten empfiehlt Pinguinzubehör Window Maker – und ansonsten eben die Gnome-Shell, die sich notfalls mit eigenen Anpassungen und Erweiterungen mehr in Richtung Unity trimmen lässt.


aus der Kategorie: / Tests / Distributionen

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Kommentare

“Was empfiehlt sich, wenn man etwas Unity-Artiges nutzen will, aber kein Ubuntu? Wer ist am nächsten dran an Unity?”

Mac OS X.

Ganz einfach.

tux. · 31. Oktober 2015, 02:26

OS X ist auch mein Vorschlag, allerdings gibt es das nur für Apple. Für Linux hätte ich zu Gnome 2 Zeit, eindeutig Gnome 2 empfohlen. Jetzt, keine Ahnung…

Unter Linux gibt es kein Desktop der mir gefällt.

— Abbc · 31. Oktober 2015, 10:47

@tux
Sehr geistreicher Kommentar. ^^

Die Frage, die ich mir gerade stelle ist: Was macht Unity denn besonders?
Panel gibt es viele, genau wie verschiedene Docks. Die Optik kann man sich in einem Thema nachinstallieren. Das einizige, was nicht wirklich 1 zu 1 umzusetzen funktioniert ist diese Dash-Funktion.Ich würe jetzt nicht so weit gehen mein Debian durch Ubuntu zu ersetzen, nur weil dort Unity vorhanden ist. Unity ist nicht schlecht, aber kein KO-Kriterium für andere Betriebssysteme oder Oberflächen.
Ich benutze derzeit sehr gerne MATE. Es ist klassisch, schlicht und ressourcenschonend.

— Patsche · 31. Oktober 2015, 11:39

Hallo ,
vielen Dank für diesen Artikel den ich besonders aufmerksam gelesen habe.
Vorab- ich möchte hier nichts und niemanden kritisieren!
Bei der Auswahl der Benutzeroberfläche bin ich aber darauf angewiesen welche Programme
Pakete zufriedenstellend funktionieren. Z.B. bei Gimp klappen die Plugins „SelectiveBrightness“
nur bei Mate. Bis 12.04 ging es auch bei Unity. Plugins die ich nicht mehr missen möchte denn sie vereinfachen die Arbeit sehr. Bei Digikam gibt es keine Geo – Lokalisierung mehr. Mate 14.04 hat sie noch. Libreoffice hat bei allen von mir installierten Oberflächen häufig – nicht immer – Probleme mir dem Unicode Alt+Shift+u. Deshalb halte ich die Wahl der Oberfläche nach „Bedienerfreundlichkeit“ und das Aussehen für zweitrangig. Wünschenswert ist, so meine ich, ein System bei der die Funktionen der Pakete gewährleistet sind. An die Oberfläche kann sich auch ein Laie wie ich es bin schnell gewöhnen, denn ich benutze sie um mit den Programmen zu arbeiten.

— robbi · 31. Oktober 2015, 12:11

Dateien können mit der Entfernen-Taste direkt in den Papierkorb verschoben werden, statt wie bei Gnome die Strg-Taste hinzunehmen zu müssen.

Seit es bei Nautilus die In-App Notifications umgesetzt wurden bedarf es keiner Strg-Taste mehr.

— Florian · 31. Oktober 2015, 13:32

Afair kann man die Anzahl der Arbeitsflächen nicht einstellen (4sic) und die Desktoplinsen telefonieren wohl ganz außerordentlich. Ansonsten guter Artikel.

— Bill Shuttle · 31. Oktober 2015, 19:55

Also ich stand unity auch kritisch gegenüber. Mit ein paar Erweiterungen ist es aber durchaus gut nutzbar: z.b. docky und dem classic menue Indicator, falls einem die usability zum aufrufen bon Programmen in der dash fehlt (z.b. fehlende Schlagworte für Programme die man sucht)
Docky benutze ich für die Programme im schnellstart z.b.Firefox und mail, terminal, etc.
Und die unity leiste nur zum anzeigen der aktiven Programme.

Im übrigen ist das Konzept gar noch soweit weg von Windows 7 bei dem die startleiste am linken Bildschirm Rand liegt. Sogar die Programme lassen sich mit den gleichen Tastenkürzeln aufrufen, z.b. windowstaste+1,2,…

— Dasfiete · 1. November 2015, 08:38

Interessant, das Polarisieren gelingt dir spielend.

Deine Einschätzungen teile ich nur fast vollständig:

1. die nachinstallierbaren Desktops sind bei Weitem nicht so gut integriert wie Unity

2. Unity verbraucht ein wenig zu viele Ressourcen (Akkubetrieb, Grafikkarte, Prozessorlast), ist aber noch in Ordnung.

Ansonsten guter Artikel.

— HeinBerg · 3. November 2015, 13:23

Also ich würde ja das Konzept durchaus begrüßen, währen da nicht diese schönen Werbe-Linsen und die Online-Suche, die im System integriert ist. Nun kann man sich das auch alles deaktivieren, und runter schmeißen, was einen nicht gefällt, nur denke ich dann, nehme ich doch gleich lieber ein anderes System, und genau das ist glaube ich das Problem von Ubuntu. Allerdings hat man Ubuntu auch gerade das zu verdanken, denn sonnst wäre wohl keiner auf die Idee gekommen, Cinnamon oder Mate zu etablieren. Ich nutze seit längeren Linux-Mint mit dem Cinnamon-Desktop, und kann es einfach nur empfehlen.

— Detlef Schneider · 17. Dezember 2015, 12:49

Also ich nutze Unity, da:

- Ich installiere Ubuntu und bin eigentlich schon Arbeitsbereit.
- Es auf meinem 12 Zoll Display einfach am wenigsten Platz für irgendwelche Leisten oder Menüs verschwendet.

Wenn Unity auf Debian portiert werden könnte und ich das mit den Treibern hinbekommen würde, hätte ich mein perfektes Betriebssystem.

Und am meisten an Unity ran, finde ich, kommt Gnome mit Dashtodock ;-)

Unity fühlt sich einfach fertig an. KDE ist gefühlt immer in der Entwicklung (leider, denn im Herzen bin ich bei den Tübingern), Gnome braucht sehr viel Platz für die angesprochenen Leisten und Cinnamon usw. fühlt sich, wenn man mal bei einem neuen Bedienkonzept war, irgendwie last summer an – was nichts über die Qualität, sondern ausschließlich etwas über mein Empfinden sagt.

Schöne Grüße

Thoys · 30. März 2016, 21:41

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